Eine Migrations- und Überwindungsgeschichte: Die spanischen Gastarbeiter in Deutschland in den 1960er Jahren

Nachrichten über Flüchtlinge sind heute leider allgegenwärtig. Manchmal wird dabei aber vergessen, dass es sich bei diesen Migrationsbewegungen keineswegs um ein neues Phänomen handelt. Die Geschichte der spanischen Gastarbeiter in Deutschland in den 1960er Jahren zu beleuchten, kann uns daher helfen, über unsere jüngste Vergangenheit und nahe Zukunft als Europäer nachzudenken.

Wenn über die Flüchtlingskrise berichtet wird, macht sich die spanische Öffentlichkeit große Sorgen. Nicht ohne Grund führte dieses tragische Thema in der letzten Wahlperiode, die knapp drei Monate inmitten unversönlichen politischen Meinungen stecken blieb, zu einer der wenigen Einigungen zwischen den im spanischen Parlament vertretenen Parteien. Darüber hinaus rückte jüngst in der öffentlichen Debatte das Drama der spanischen Jugendlichen zunehmend in den Vordergrund, die gegenwärtig „durch die Vorteile der Globalisierung“ gezwungen werden, ins Ausland zu ziehen, um Arbeit zu finden. Ein Teil von ihnen gehört zu den 48,3 % der spanischen Jugendarbeitslosen im Jahr 2015.

Man könnte solche transnationalen Tendenzen und Migrationsbewegungen als zentrale Merkmale unserer heutigen Krisensituation verstehen, als Produkte unserer Zeit. Das stimmt aber teilweise mit der Realität überein. Aus einer geschichtswissenschaftlichen Perspektive kann die Grenzüberschreitung als Grundlage des modernen Phänomens der Nation und der nationalen Identitäten angesehen werden. Die Geschichte der spanischen Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren während der Franco-Diktatur (1939-1975) nach Deutschland auswanderten, kann dabei beispielhaft die Komplexität dieses transnationalen Prozesses verdeutlichen.

Im März 1960 wurde ein Vertrag zwischen Spanien und der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet, der die Arbeitsverhältnisse der spanischen Auswanderer regulierte. Welche Interessen verfolgte Deutschland mit diesem Vertrag? An erster Stelle stand für die Bundesrepublik schlichtweg das Ziel, Arbeitskräfte für die wachsende deutsche Industrie zu gewinnen. Und Spanien? Zum einen versuchte die Diktatur, mit dem Vertrag ihre internationale Anerkennung zu erhöhen und gleichzeitig eine  Annäherung an die Europäische Gemeinschaft zu vollziehen. Zum anderen intendierte das Regime, durch das Abkommen seine qualifizierten Arbeiter für den Einsatz im spanischen Industriesektor im eigenen Land halten zu können. Der Vertrag sah daher vor, dass Spanien die Kontrolle über die Einstellungen der Emigranten haben sollte. Die Durchführung dieser Aufsicht lag dabei seit dem Jahr 1956 in den Händen des „Instituto Español de Emigración“ (Spanisches Institut für Emigration).

Im kollektiven Gedächtnis der Spanier hat sich die Behauptung festgesetzt, dass die Emigration während der Diktatur in einem organisierten und kontrollierten Prozess ablief und dass die Gastarbeiter über einen regulierten Arbeitsvertrag verfügten. Das entspricht allerdings nur teilweise den Tatsachen. Eine illegale Auswanderung nach Deutschland entstand parallel zur staatlich gefördeten Emigration. Einige Spanier konnten als „Touristen“ in Deutschland bleiben, während wiederum andere sich dafür entschieden, die Grenze illegal zu überqueren. Gemäβ dem spanischen Historiker Antonio Muñoz, sei der Hauptfriedhof Saarbrücken beispielsweise in den 1960er Jahren zu einem unkontrollierten Grenzübergang für die spanischen Gastarbeiter geworden.

Die Zahlen der spanischen Emigration nach Deutschland in den 1960er Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Laut den offiziellen Statistiken verließen 2,5 Millionen Spanier in dieser Zeit ihre Heimat. 600.000 begaben sich dabei nach Deutschland – ein Drittel illegal –, was durchschnittlich eine Immigration in die Bundesrepublik von 800 Spaniern pro Woche bedeutete. Die Mehrheit stammte aus den benachteiligsten Gebieten Nordwest- und Westspaniens, namentlich Galizien, Kastilien und Andalusien. Die Metall- und Elektroverarbeitungsindustrie Nordrhein-Westfalens und Baden-Württembergs wurde schließlich zum Hauptarbeitgeber der spanischen Gastarbeiter. Allein in Mönchengladbach, Essen, Köln und Düsseldorf wohnten in den 1960er Jahren 20.000 Spanier. Abgesehen von der schwierigen emotionalen Situation der Auswanderer, die bereit sein mussten, ihre ganze Welt – die heute sogenante „Komfortzone“ – zu verlassen, waren die Reisebedingungen von Spanien nach Deutschland  äußerst schlecht. Aus Madrid fuhren beispielsweise Züge nach Köln und München ab, in denen bis zur französischen Grenze mehr und mehr Arbeiter zustiegen. Die gesamte Reise bis zum Bestimmungsort dauerte vier lange Tage. Lange Schlangen von Spaniern und Portugiesen, die auf dem Bahnsteig 11 in Köln-Deutz auf ein Getränk und eine Fleischsuppe warteten, wurden für die deutsche Aufnahmegesellschaft zu einem bekannten Bild der Migrationsbewegung.

Viel interessanter ist es aber, den Blick auf das alltägliche Leben der spanischen Emigranten und auf die Integrationsprozesse in der Aufnahmegesellschaft zu lenken, welche als die entscheidenden Faktoren entweder für den Erfolg oder das Scheitern der spanischen Emigration betrachtet werden soll. Die Erwartungen der Auswanderer waren von Anfang an klar. Sie wollten lediglich arbeiten, Geld sparen und, so schnell wie möglich, nach Spanien zurückkehren. Diese Interessen trugen natürlich nicht zu einer Annäherung an die deutsche Gesellschaft bei. Vom Franco-Regime wurde das allerdings als Vorteil gesehen, da es eigentlich nicht wünschte, dass sich die Gastarbeiter in Deutschland völlig integrierten. In Deutschland bereits selbstverständliche demokratische Werte wie die Gedanken- und Meinungsfreiheit, konnten – so der Gedankengang des Regimes – durch ihre mögliche Ausstrahlung auf die Emigranten die innere Stabilität der Diktatur gefährden. Deswegen sprach sich das spanische Regime gegen ein eventuelles Engagement der Emigranten für solche Ideen aus. Die Aufgabe war, die Gastarbeiter geistig nicht im Stich zu lassen und sie durch verschiedene Maßnahmen emotional zu beeinflussen.

Diesem Zweck entsprach die offizielle Unterstützung von 90 kirchlichen Missionen, verschiedenen Caritas Delegationen, fast 20 Rechtsberatungbüros in deutschen Arbeitsämtern, der sogennanten „spanischen Clubs“ und unterschiedlicher propagandistischer Zeitungen. Kulturelle Initiativen wurden allerdings bevorzugt. Besonders wichtig war hierbei für die Diktatur, die spanische Volksmusik zu fördern, durch die die Gastarbeiter eine wirksame, geistige Verbindung mit ihrem Heimatland herstellen sollten. In diesem Kontext ist eine „Flamencomusikbotschaft“, die im Juli 1964 nach der Bundesrepublik Deutschland gesandt wurde, zu verstehen. Mit dem Auftritt der berühmten Flamencotänzerin Mariemma und ihrer Truppe auf den bedeutendsten Düsseldorfer, Dortmunder und Mannheimer Bühnen, zielte das Franco-Regime darauf, nicht nur die spanischen Gastarbeiter zu unterhalten, sondern auch die Deutschen auf das zunehmende touristische Potenzial Spaniens aufmerksam zu machen.

Trotz der vielfältigen Initiativen wurden die Gastarbeiter unvermeidlich von der deutschen demokratischen Kultur beeinflusst. Durch verschiedene Initiativen entfernten sie sich nach und nach vom nationalistischen und antidemokratischen Diskurs des Franquismus und fühlten sich zunehmend dem politischen Pluralismus Deutschlands nahe. So wurden viele Spanier Mitglied in der Gewerkschaft „IG Metall“, während die öffentlichen Proteste der Auswanderer gegen die Diktatur in den Industriestädten zunahmen. Darüber hinaus zeigte die Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland bei der Integration der spanischen Gastarbeiter Wirkung. Zwei Beispiele verdeutlichen dabei anschaulich die Integrationsbereitschaft auf deutscher Seite. Zum einen bot der Bayrische Rundfunk seit 1964 täglich eine 45 minütige Sendung für die spanischen Gastarbeiter an, in der sie auf Spanisch kritische Nachrichten über die Diktatur erfahren konnten. Zum anderen spielte die Einschulung der zweiten Generation der Gastarbeiter eine große Rolle bei der Integration. Diese kamen am Ende der 1970er Jahren in die Schulen, als die jahrelangen Forderungen der spanischen Organisationen und Gemeinschaften nach einer Angleichung der spanischen an die deutschen Schüler bei der Bundesregierung endlich Gehör fanden.

Die hier erzählte Geschichte der spanischen Gastarbeiter führt uns möglicherweise zu Fragen zur heutigen Diskussion. Sind die perspektivlosen jungen Spanier der Gegenwart mit ihren Vorfahren der 1960 Jahren vergleichbar? Wäre ein ähnlich erfolgreicher Integrationsprozess heutzutage noch möglich? Es ist leider offensichtlich, dass solche Herausforderungen trotz ihrer transnationalen Dimension noch immer nicht auf europäischer, sondern auf nationaler bzw. bilateraler Ebene gelöst werden. Wäre es nicht besser, so kann man abschließend fragen, wenn Politik und Öffentlichkeit, dem Diktum des bekannten polnischen Philosophen Zygmunt Bauman folgend, nach „globalen Lösungen für globale Probleme“ suchen würden?

José Manuel Morales

 


Empfohlene Zitierweise:

José Manuel Morales: Eine Migrations- und Überwindungsgeschichte: Die spanischen Gastarbeiter in Deutschland in den 1960er Jahren. In: RUB Europadialog, 2016. URL: rub-europadialog.eu/eine-migrations-und-ueberwindungsgeschichte-die-spanischen-gastarbeiter-in-deutschland-in-den-1960er-jahren (14.09.2016).

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